Das Milliarden-Missverständnis: Warum die Energiewende kein Sparschwein schlachtet, sondern Werte schafft
- Dirk Neubauer

- 15. Juli
- 5 Min. Lesezeit
von DIRK NEUBAUER

In Talkshows und politischen Debatten wird sie gerne als das teuerste Projekt der Nachkriegsgeschichte gebrandmarkt: die deutsche Energiewende. Von vermeintlichen Billionen-Kosten ist die Rede, von einer unbezahlbaren Belastung für die Wirtschaft und die privaten Haushalte. Doch wer so argumentiert, übersieht das fundamentalste Gesetz der Ökonomie, nämlich den entscheidenden Unterschied zwischen konsumtiven, verlorenen Ausgaben und wertschöpfenden Investitionen. Die Transformation unseres Energiesystems ist kein schwarzes Loch, in dem Kapital versinkt. Über 400 Mrd. EUR wurden in Sachwerte investiert. Es handelt es sich um eine der größten Umschichtungen hin zu Sachwerten, die das Land je erlebt hat. Anstelle von kontinuierlichen, unwiederbringlich abgeflossenen Milliardenzahlungen für fossile Brennstoffimporte aus dem Ausland bauen wir heimische, bleibende Werte auf. Und schaffen Arbeitsplätze: 436.000 Menschen arbeiten in diesem Sektor. Zum Vergleich: 716.000 sind es in der Automobilindustrie. Glaubt man Volkswagen, dann sind es bald 100.000 weniger. Und auch der Rest hat eine fragliche Perspektive.
Wie viel privates Kapital bereits in dieses Jahrhundertprojekt geflossen ist, wie sich die Ströme auf die verschiedenen Technologien verteilen und welche gigantischen Werte dadurch Jahr für Jahr für uns alle geschaffen werden, zeigt die folgende Infografik auf einen Blick:

Das Investitionsvolumen: Über 400 Milliarden Euro im Fundament
Seit der Jahrtausendwende wurden in Deutschland insgesamt mehr als 400 Mrd. EUR an Sachinvestitionen direkt in den Ausbau von Windkraft-, Photovoltaik- und Biomasseanlagen gelenkt. Das Besondere an dieser gewaltigen Summe ist ihre Herkunft, da dieses Kapital keineswegs primär vom Staat mobilisiert wurde.
Rund 80 % dieser Summe stammen aus privaten Taschen, investiert von Bürgerinnen und Bürgern, von Landwirten, mittelständischen Betrieben und genossenschaftlichen Bürgerenergiegesellschaften. Dadurch ist die Energiewende das am breitesten demokratisierte Infrastrukturprojekt des Landes, das nicht den klassischen Großkonzernen gehört, sondern den Menschen vor Ort.
Ein Blick auf den historischen Verlauf der jährlichen Errichtungsinvestitionen verdeutlicht eine hochdynamische Kurve, die nach einer Konsolidierungsphase in den späten 2010er-Jahren seit dem Jahr 2021 wieder massiv an Fahrt aufgenommen hat. Im Jahr 2021 lagen die jährlichen Neuinvestitionen noch bei 15,6 Mrd. EUR, kletterten im darauffolgenden Jahr bereits auf 21,6 Mrd. EUR und erreichten im Jahr 2023 schließlich einen historischen Rekordscheitelpunkt von stolzen 36,6 Mrd. EUR. Diese Entwicklung unterstreicht das enorm anziehende Ausbautempo, das durch verbesserte politische Rahmenbedingungen, ein gestiegenes Bewusstsein für nationale Energiesouveränität und die hervorragende Wirtschaftlichkeit moderner Anlagen getrieben wird. Leider tut die Bundesregierung nun alles, diese Erfolgsgeschichte zu torpedieren. Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Klimaschutz. Alles inzwischen nur noch Nebensache. Der größte politische Fehler der vergangene Jahre.
Die Technologie-Verteilung: Die Sonne als unangefochtener Taktgeber
Bei der Frage, in welche Technologien dieses Kapital fließt, spricht die Verteilung des Rekordjahres 2023 eine eindeutige Sprache. Der Solarbereich hat sich mit einem Anteil von 63 % aller getätigten Investitionen als der absolute Dynamo des aktuellen Ausbaus herauskristallisiert. Drastisch gefallene Modulpreise sowie der Boom bei Heimspeichern, gewerblichen Dachanlagen und Balkonkraftwerken führen dazu, dass fast zwei Drittel des privaten Kapitals in das Ernten von Sonnenlicht fließen.
Die Windenergie an Land und auf See bildet trotz ihrer längeren Planungs- und Genehmigungsverfahren mit 28,1% der Investitionen das zweite unerschütterliche Fundament unserer Stromversorgung. Die verbleibenden Mittel verteilen sich auf die Biomasse mit 5,7%, die vor allem im Wärme- und Grundlastsegment für die nötige Netzstabilität sorgt, sowie auf sonstige Technologien wie die Geothermie und Wasserkraft, die zusammen 3,1% ausmachen.
Der reale Return on Investment: Welche Werte werden geschaffen?
Das Kernargument gegen die Skeptiker der Energiewende liegt in der Bilanz der real geschaffenen Gegenwerte. Jedes Jahr werfen die installierten Anlagen eine messbare Dividende für die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Umwelt ab.
Den mit Abstand größten finanziellen Vorteil bilden die vermiedenen externen Umweltschäden, die sich auf rund 58 Mrd. EUR pro Jahr belaufen. Durch das kontinuierliche Verdrängen von Kohle- und Gaskraftwerken stoßen wir Millionen Tonnen weniger Treibhausgase und Luftschadstoffe aus. Nach den wissenschaftlichen Berechnungsschlüsseln des Umweltbundesamtes, welche die realen gesellschaftlichen Folgekosten von Ernteausfällen, Flutkatastrophen und gesundheitlichen Schäden beziffern, spart uns der grüne Strommix diese gewaltigen Summen an ansonsten fälligen Reparatur- und Klimfolgenkosten ein.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Einsparung fossiler Importe in Höhe von rund 15,5 Mrd. EUR jährlich. Jede Kilowattstunde Strom, die wir durch heimischen Wind oder Sonne erzeugen, müssen wir nicht teuer in Form von Erdgas, Steinkohle oder Rohöl importieren. Dieser Substitutionseffekt entlastet unsere Handelsbilanz dauerhaft und sorgt dafür, dass dieses Geld nicht ins Ausland abfließt, sondern im inländischen Wirtschaftskreislauf verbleibt.
Zudem sind die installierten Anlagen keine statischen Monumente, sondern sie erfordern eine kontinuierliche Wartung, Versicherung und Pflege. Aus den Erlösen der Stromerzeugung fließt so Jahr für Jahr eine Summe von rund 12,3 Mrd.EUR über den Betrieb und die Instandhaltung zurück in die Wirtschaft, wovon vor allem lokale Installationsbetriebe, Handwerker und spezialisierte regionale Dienstleister profitieren.
Schließlich profitieren besonders ländliche und historisch strukturschwache Regionen massiv von kommunalen Einnahmen in Höhe von jährlich etwa 3,8 Mrd. EUR. Die Betreibergesellschaften zahlen ihre Gewerbesteuern direkt in den Standortgemeinden und Landwirte generieren stabile Erträge durch die Bereitstellung von Flächen. Darüber hinaus können Betreiber von neuen Wind- und Solarparks den Gemeinden im Umkreis nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz finanzielle Beteiligungen von bis zu 0,2 bis 0,3 Cent pro eingespeister Kilowattstunde zahlen, was sich für eine einzelne moderne Windkraftanlage schnell auf rund 20.000 EUR pro Jahr summiert und somit direkt und ohne Zweckbindung in Schulen, Kitas und Dorfgemeinschaftshäuser fließen kann.
Fazit: Ein gigantisches Wohlstandsprogramm auf Sachwertbasis
Wer die Energiewende rein als Kostentreiber darstellt, betreibt unvollständige Buchführung. Die über 400 Mrd. EUR an privaten Investitionen haben einen hochmodernen, dezentralen Maschinenpark geschaffen, der uns Schritt für Schritt aus der Abhängigkeit fossiler Importe befreit. Die jährlichen Ersparnisse und Werteffekte von zusammen weit über 89 Mrd. EUR zeigen eindrucksvoll, dass sich jeder investierte Euro in erneuerbare Energien in rasantem Tempo amortisiert. Die Energiewende ist kein Luxus, sondern das renditestärkste ökologische und ökonomische Sachwert-Investitionsprogramm, das Deutschland je auf den Weg gebracht hat.
Anhang: Quellenverzeichnis
Die im Artikel dargelegten Daten basieren auf den offiziellen Publikationen und statistischen Erhebungen der zuständigen Bundesbehörden und Forschungsinstitute.
Die Angaben zum historischen Verlauf der Investitionen, dem Rekordwert von 36,6 Mrd. EUR für das Jahr 2023 sowie die prozentuale Aufteilung der Investitionen auf die einzelnen Technologien (Photovoltaik, Windenergie, Biomasse und Sonstige) stammen aus dem fortlaufend aktualisierten Berichtsentwurf „Erneuerbare Energien in Deutschland – Daten zur Entwicklung im Jahr 2023“, herausgegeben vom Umweltbundesamt im Auftrag der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik.
Die Berechnung der vermiedenen externen Umweltschäden in Höhe von knapp 58 Mrd.EUR basiert auf den standardisierten Kostensätzen der UBA-Methodenkonvention zur Schätzung von Umweltkosten, welche die gesellschaftlichen Schadenskosten von Treibhausgasen wissenschaftlich quantifiziert.
Die Zahlen zu den vermiedenen fossilen Rohstoffimporten im Wert von 15,5 Mrd. EUR sowie den ökonomischen Impulsen aus dem Betrieb und der Wartung von 12,3 Mrd. EUR wurden ebenfalls über die Substitutionsrechnungen und Marktanalysen der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik ermittelt.
Die Daten zur kommunalen Wertschöpfung und den lokalen Einnahmen von rund 3,8 Mrd. EUR stützen sich auf die etablierten Wertschöpfungsmodelle und Studien des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung zur regionalen Verteilung von Erträgen aus erneuerbaren Energien unter Berücksichtigung von Gewerbesteuern, Pachten und den finanziellen Beteiligungsrechten nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz.



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