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Der H2-Ready-Mythos: Warum wir niemals mit Wasserstoff heizen werden

... und das Gasnetz die eigentliche Falle ist.


von Dirk Neubauer



Wenn man manchen Politikern, Gasnetzbetreibern oder Werbeversprechen von Heizungsherstellern zuhört, klingt es wie das perfekte Märchen für Bequeme: „Behalten Sie einfach Ihren alten Gaskessel, tauschen Sie ihn gegen ein ‚H2-Ready‘-Modell und irgendwann strömt statt fossilem Erdgas einfach sauberer, grüner Wasserstoff durch die Röhre. Niemand muss dämmen, niemand muss Wärmepumpen einbauen, alles bleibt wie immer!“

Spoiler: Es wird niemals so kommen. Wer im Jahr 2026 noch darauf wettet, sein Einfamilienhaus oder seine Mietwohnung künftig mit grünem Wasserstoff zu beheizen, glaubt besser an den Weihnachtsmann. Der bringt Geschenke. Die Wasserstoff-Heizungslüge indes kostet. Immens. Warum Wasserstoff im Keller reine Utopie bleibt, weshalb physikalische Gesetze keine Kompromisse eingehen und warum das krampfhafte Festhalten an der alten Gasinfrastruktur das eigentliche Problem ist, dröseln wir hier einmal ohne Blabla auf. Bitter: Viele kommunale Wärmeplanungn setzen weiter auf Gas und diese seltsame Wasserstoffblase. Eine teure Falle. Warum, lest ihr hier auch.



1. Die Physik macht keine Zugeständnisse: Der Stromfresser-Effekt


Fangen wir bei den Grundlagen an: Wie entsteht grüner Wasserstoff? Man nimmt Ökostrom (aus Wind oder Sonne) und spaltet Wasser per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff. Klingt simpel, hat aber einen riesigen Haken: Neben dem Umstand, dass wir unfassbar viel Wasser brauchen, was in zeiten steigender Trockenheit eine wirklich seltsame Idee ist: Dieser Wasserstoffzirkus braucht unfassbar viel Energie!


Jeder Umwandlungsschritt kostet massiv Energie.


  • Der Wasserstoff-Pfad: Bei der Elektrolyse gehen rund 28 % der Energie verloren. Dann muss das Gas verdichtet, transportiert, gespeichert und schließlich im Kessel bei Ihnen zu Hause verbrannt werden. Am Ende bleiben magere 47 % bis 75 % der ursprünglichen Stromenergie als Wärme übrig. Um  eine KilowattstundecWärme in Ihre Bude zu bekommen, müssen Sie also rund 1,4  bis 2,4 Kilowattstunden Ökostrom in den Prozess hineinstecken.


  • Der Wärmepumpen-Pfad: Eine moderne Wärmepumpe nimmt denselben Ökostrom und nutzt ihn als Antreiber, um kostenlose Umweltwärme aus Luft, Erde oder Wasser zu pumpen. Selbst in nicht perfekt sanierten Altbauten macht sie aus  einer einzigen Kilowattstunde Strom im Schnitt 3 bis 4 Kilowattstunden Wärme (ein Systemwirkungsgrad von 300 % bis 400 %).


    Für  eine Kilowattstunde Wärme braucht die Wärmepumpe also nur lächerliche 0,25 bis 0,33 Kilowattstunden Strom.



Der direkte Vergleich:


Eine Wasserstoffheizung verbraucht für dieselbe Menge Wärme etwa 5- bis 6-mal so viel Ökostrom wie eine Wärmepumpe. Wer soll das bezahlen? Und woher soll der ganze Strom kommen? Wir müssten das Fünffache an Windrädern und Solarparks bauen, nur um die gewaltigen Verluste einer Wasserstoff-Heizung auszugleichen. Das ist nicht „technologieoffen“, das ist schlicht thermodynamischer Irrsinn.





2. Der „Champagner der Energiewende“ gehört nicht ins Spülwasser


Grüner Wasserstoff ist nicht im Überfluss vorhanden. Er ist wertvoll, extrem aufwendig herzustellen und wird auf absehbare Zeit das knappste Gut der Energiewende bleiben. Man nennt ihn in der Fachwelt nicht ohne Grund den „Champagner der Energiewende“.


Und was macht man mit Schampus? Man nutzt ihn für festliche Anlässe, bei denen es gar nicht anders geht – und schüttet ihn nicht zum Händewaschen ins Waschbecken! Die Schwerindustrie (wie die Stahl- und Chemieproduktion), der Schiffs- und Flugverkehr sowie Spitzenlast-Gaskraftwerke für Dunkelflauten brauchen zwingend Wasserstoff, weil sie nicht direkt elektrifiziert werden können. Ein einziges Stahlwerk der Salzgitter AG benötigt künftig etwa  grünen Wasserstoff pro Jahr. Das ist mehr, als ganze Städte verbrauchen würden.

Die Industrie wird jeden verfügbaren Liter  aufkaufen – und zwar zu Preisen, die sich kein privater Haushalt leisten kann. Für den privaten Heizungsmarkt bleibt schlicht nichts übrig.



3. Der Elefant im Raum: Die Todesspirale der Gasnetze


Warum aber brennen manche Verbände, Versorger und Politiker dann immer noch so leidenschaftlich für das Märchen vom Wasserstoff im Wohngebiet?

Weil es um das Überleben der Gasnetze geht.


In Deutschland liegen Gasnetze im Boden, die in den Bilanzen der Stadtwerke und Netzbetreiber noch mit geschätzten 20 bis 60 Milliarden Euro stehen. Wenn diese Netze stillgelegt werden, müssen die Betreiber gigantische Summen abschreiben. Also wird gekämpft, verzögert und gelobbyt. Das Label „H2-Ready“ ist das perfekte Beruhigungsmittel, um Eigenheimbesitzer dazu zu bringen, bloß an der Röhre angeschlossen zu bleiben.

Doch genau hier entsteht das eigentliche, riesige Problem für die Allgemeinheit:


Die unaufhaltsame Kostenfalle


  1. Kundenschwund: Schlauere und wohlhabendere Hausbesitzer wechseln schon jetzt zu Wärmepumpen oder Fernwärme und melden ihren Gasanschluss ab.

  2. Kostenverteilung auf Immer Wenigere: Die Fixkosten für die Wartung und Instandhaltung des Gasnetzes bleiben jedoch exakt gleich hoch. Wenn statt 1.000 Haushalten in einer Straße nur noch 200 Haushalte Gas beziehen, verteilen sich die Netzkosten auf diese verbliebenen 200 Kunden.

  3. Explodierende Netzentgelte: Den Letzten beißen die Hunde! Denen, die an der Gasröhre hängen bleiben (oft Mieter oder Menschen ohne Eigenkapital), droht bis 2044 eine Versechzehnfachung der Netzentgelte.


Dazu kommt eine technische Absurdität:

Man kann ein Gasnetz nicht Stück für Stück auf  Wasserstoff umstellen.

Wasserstoff hat eine viel geringere Dichte als Erdgas, entweicht viel leichter durch kleinste Ritzen (Leckagerisiko!) und brennt viel heißer. Man kann ein Wohnviertel nicht langsam umstellen. Am „Tag X“ müsste für eine ganze Straße schlagartig  eingespeist werden. Das funktioniert aber nur, wenn am selben Tag jeder einzelne Haushalt in der Straße seine Heizung umgerüstet hat. Baut auch nur ein Nachbar nicht mit, steht die ganze Straße ohne Heizung da.


4. Die „Bio-Treppe“ im Gesetz: Die getarnte Preisbremse nach oben


Viele atmeten auf, als das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) beschlossen wurde und die strengen Regeln gelockert wurden. Man darf alte Gasheizungen ja weiterbetreiben!


Aber haben Sie das Kleingedruckte gelesen? Wer ab 2029 eine neue Gasheizung einbaut, stolpert mitten in die gesetzliche „Bio-Treppe“:


  • Ab 2029: mindestens  10% grüne Gase (z. B. Biomethan oder Wasserstoff )

  • Ab 2030: mindestens 15%

  • Ab 2035: mindestens 30%

  • Ab 2040: mindestens 60%

  • Ab 2045:  100%


Da heimisches Biomethan extrem knapp ist (das Potenzial reicht gerade einmal für etwa 20% des heutigen Bedarfs), müssen die Versorger sündhaft teure grüne Gase und Wasserstoff aus dem Ausland beimischen. Denn die Herstellung hier würde eine Verfünffachung der Grünstromproduktion nach sich ziehen. Also kommt das Zeug per Schweröldampfer oder irgendwann per Pipeline. Beides nicht wirklich zielführend.


Was bedeutet das für den Geldbeutel?


Schon die erste Stufe ab 2029 bringt Mehrkosten von monatlich rund 16 Euro. Ab 2035 sprechen wir von 50 bis 100 Euro zusätzlich jeden Monat – wohlgemerkt nur für den Brennstoff-Aufschlag, ohne die steigenden Netzentgelte und CO2-Preise! Rechnet man das über 20 Jahre hoch, kostet eine Gasheizung mit Beimischung bis zu 46.000 EUR  mehr als ein Wärmepumpensystem!

Fazit: Lassen Sie sich kein  für ein  vormachen!


Dass in Deutschland jemals im großen Stil Einfamilienhäuser und Mietwohnungen mit grünem Wasserstoff beheizt werden, ist eine Illusion. Es scheitert an der Physik, am Preis, an der Netzlogistik und an der Verfügbarkeit.

Das eigentliche Drama ist, dass der Mythos der „wasserstofffähigen Heizung“ Tausende Menschen dazu verleitet, weiterhin auf veraltete Verbrennungstechnik im Keller zu setzen. Wer heute eine „H2-Ready“-Gaskessel kauft, kauft eine Fahrkarte in eine finanzielle Sackgasse.


Die Zukunft im Keller steht fest:


Wer langfristig planbare, bezahlbare und unabhängige Wärme will, setzt auf die Wärmepumpe oder auf kommunale Wärmenetze. Dafür brauchen wir Netzausbau und einen Hochlauf der regioinal gesteuerten und abgestimmten Energiewende, die die Verbräuche regional abdeckt.


Alles andere ist teure Augenwischerei zur Rettung einer Infrastruktur, deren Ablaufdatum längst feststeht. Die Politik sollte hier einen mutigen Schritt gehen und die Gasnetzabschreibungen übernehmen. Das würde die Unternehmen davon befreihen, diesen wissenschaftlich eindeutig widerlegten Irrsinn der Wasserstoffheizung weiter voran zu treiben. Nur ein solcher Schritt würde nämlich verhindern, dass ein handelsübliches Stadtwerk an der außerplanmäßigen Abschreibung seines nicht mehr notwendigen Gasnetzes in die Pleite schlittert. Jetzt handeln. Die 60 Milliarden machen es nun auch nicht mehr fett. Im Gegenteil. Der tägliche Klimaschaden weltweit beträgt geschätzt 97 Milliarden Euro. Un der addiert sich zu dem, was gerade in Südeuropa passiert. Und auch zu uns kommen wird. Es ist Menschenrettung, das einzusehen. Alles andere ist unterlassene Hilfeleistung.

 
 
 

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