Fakes&Mythen 5: Die Erneuerbaren lassen den Strompreis explodieren!
- Dirk Neubauer

- vor 1 Tag
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Immer wieder schäumt der Stammtisch. Die Erneuerbaren machen alles so teuer! Selbst intelligente Doktorwürdenträger beten inzwischen wieder millliardenvernichtende Atomkraftwerke an. Doch alles umsonst: Nicht die saubere Energie ist das Problem! Die ist reichlich vorhanden. Bürgerwut und politisches Unvermögen haben uns die Misere beschert, weil sie den Netzausbau um Jahrzehnte verzögerte. Teure Fehlentscheidungen wurden getroffen. 2015. Unter denen noch heute die Strompreise ächzen. Und die den Steuerzahler Milliarden kosten. Der aber darf nicht jammern. Hat er doch durch Proteste gegen Strommasten erheblich daran mitgewirkt. Eine Geschichte, die den Stammtisch zum beben bringt. Warum wir der Strom nicht billiger? Und wer trägt wirklich die Verantwortung dafür?
In politischen Debatten und an Stammtischen gehört der Vorwurf fast schon zum guten Ton: Die Erneuerbaren Energien seien schuld daran, dass die Stromrechnungen für Haushalte und Unternehmen immer weiter steigen. Wenn man jedoch bedenkt, dass Sonne und Wind keine Brennstoffkosten verursachen und umsonst zur Verfügung stehen, wirkt diese Logik auf den ersten Blick widersprüchlich. Um zu verstehen, warum die Preise auf der Stromrechnung trotz des Booms bei Wind- und Solarenergie nicht fallen, muss man die Stromerzeugung strikt vom Stromtransport trennen. Nicht die Produktion der grünen Energie ist die Ursache für hohe Kosten, sondern die Autobahn, auf der dieser Strom zu den Verbrauchern transportiert werden muss.
Die Preisbremse an der Strombörse ist GRÜN
An der europäischen Strombörse gilt das Prinzip der sogenannten Merit-Order. Das bedeutet, dass Kraftwerke in der Reihung nach ihren jeweiligen Betriebskosten (den sogenannten Grenzkosten) zum Zuge kommen. Da Windkraft- und Solaranlagen im Gegensatz zu Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerken weder Rohstoffe einkaufen noch CO2-Zertifikate bezahlen müssen, liegen ihre Grenzkosten nahezu bei null Euro. Wann immer im Norden Deutschlands der Wind kräftig weht oder im Süden die Sonne scheint, drängen diese günstigen Erzeuger teure fossile Kraftwerke aus dem Markt. Dadurch sinkt der Großhandelspreis für Strom spürbar.
Seit im Juli 2022 zudem die EEG-Umlage abgeschafft wurde, drückt die reine Erzeugung von Ökostrom den Preis auf dem Papier sogar nach unten.
Das geografische Dilemma und die teure Notlösung
Dass dieser Preisvorteil bei den Endkunden kaum ankommt, liegt an der Geografie des deutschen Energiesystems. Ein Großteil des günstigen Windstroms wird im windreichen Norden sowie in den Küstenregionen der Nord- und Ostsee produziert. Die großen industriellen Verbrauchszentren sowie viele dicht besiedelte Regionen liegen jedoch im Süden und Westen des Landes. Weil die dafür benötigten Höchstspannungsleitungen von Nord nach Süd nicht ausreichend ausgebaut sind, gerät das Netz regelmäßig an seine Belastungsgrenzen.
Um einen Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern, muss die Bundesnetzagentur täglich mit teuren Eingriffen gegensteuern. Dieses Engpassmanagement wird in der Fachsprache als Redispatch bezeichnet und erzeugt ein finanzielles Paradoxon. Auf der einen Seite müssen Windparks im Norden abgeschaltet werden, weil die Leitungen den erzeugten Strom nicht aufnehmen können. Die Betreiber dieser Windräder erhalten für den Strom, den sie eigentlich hätten liefern können, gesetzlich zugesicherte Entschädigungen. Auf der anderen Seite müssen im Süden spontan teure fossile Gas- oder Kohlekraftwerke hochgefahren werden, um die entstandene Lücke lokal zu schließen. Die Verbraucher zahlen somit doppelt: einmal für den Ökostrom, der gar nicht fließen durfte, und einmal für den teuren fossilen Ersatzstrom. Diese Milliardenkosten fließen direkt in die sogenannten Netzentgelte ein, die als fester Bestandteil auf jeder Stromrechnung stehen.
Der Erdkabel-Beschluss von 2015: Wer trug die Verantwortung?

Der Grund für die jahrelange Verzögerung beim Ausbau der zentralen Stromautobahnen wie SuedLink oder SuedOstLink liegt in einer richtungsweisenden politischen Entscheidung aus dem Jahr 2015. Ursprünglich sollten diese Trassen überwiegend als klassische und deutlich günstigere Freileitungen mit Masten über Land gebaut werden. Gegen diese Pläne regte sich jedoch in der Bürgerschaft massiver Widerstand. Im ganzen Land formierten sich lokale Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Grundbesitzer und Bauernverbände. Sie protestierten vehement gegen die Zerschneidung von Landschaften und befürchteten Wertverluste für ihre Immobilien sowie gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die optisch dominanten Überlandmasten.
Dieser Bürgerprotest wurde rasch zum politischen Spielball. Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) machte den Widerstand vor Ort zu seinem zentralen Thema und drohte im Vorfeld von Landtagswahlen damit, den Bau der Stromtrassen nach Bayern komplett zu blockieren, um die „Monstermasten“ zu verhindern.
Um den drohenden Stillstand bei der Energiewende abzuwenden, gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) dem Druck nach. Auf dem Berliner Energiegipfel im Juli 2015 verständigten sich die Spitzen der damaligen Großen Koalition aus CDU, CSU und SPD auf einen Kompromiss: Den gesetzlichen Vorrang der Erdverkabelung. Im Dezember 2015 verabschiedete der Deutsche Bundestag das entsprechende Gesetz.
Diese Entscheidung besänftigte zwar kurzfristig die Proteste vor Ort, hatte jedoch gravierende Konsequenzen für das Gesamtprojekt. Bereits weit fortgeschrittene Planungen für Freileitungen mussten verworfen und komplett neu aufgerollt werden. Da Erdkabel technisch extrem anspruchsvoll sind, aufwendige Boden- und Naturschutzprüfungen erfordern und spezialisierte Tiefbauarbeiten nach sich ziehen, verzögerte der Beschluss den Netzausbau um fast ein Jahrzehnt. Zudem stiegen die veranschlagten Baukosten um viele Milliarden Euro.
Gewinner und Verlierer der Systemverzögerung
Von der schleppenden Umsetzung der Netzinfrastruktur profitieren energiewirtschaftlich betrachtet vor allem diejenigen, die am Krisenmanagement verdienen. Dazu gehören die Betreiber fossiler Reservekraftwerke im Süden, die für das ständige Bereithalten und Einspringen hohe Vergütungen kassieren. Ebenfalls zu den Gewinnern zählen Kabelhersteller und Spezialtiefbauunternehmen, deren Auftragsbücher durch die teure Erdkabeltechnik auf Jahre hinaus gefüllt sind. Auch Betreiber erneuerbarer Energien erleiden durch Netzengpässe keine finanziellen Einbußen, da sie über Entschädigungszahlungen abgesichert sind. Die Übertragungsnetzbetreiber selbst erhalten für ihre Investitionen eine staatlich garantierte Eigenkapitalverzinsung, während sie die immensen operativen Kosten für das Eingreifen ins Netz eins zu eins an die Allgemeinheit weiterreichen dürfen.
Die Zeche für diese Fehlplanungen und Verzögerungen zahlen ausnahmslos die Verbraucherinnen und Verbraucher sowie der Steuerzahler. Über kontinuierlich steigende Netzentgelte finanzieren sie das teure Engpassmanagement sowie die drastisch erhöhten Baukosten der Erdkabeltrassen.
Ausblick und notwendige Korrekturen
Die Behauptung, dass Erneuerbare Energien die Hauptursache für hohe Strompreise seien, hält einer genauen Überprüfung somit nicht stand. Der grüne Strom wird in der Erzeugung immer preiswerter, doch das Netz hinkt der Dynamik des Ausbaus um Jahre hinterher. Die Politik hat auf diese Fehlentwicklung inzwischen reagiert und den strikten Erdkabelvorrang in den letzten Jahren schrittweise wieder aufgeweicht, um das Tempo beim Trassenbau zu erhöhen. Für die Zukunft erfordert eine bezahlbare Stromversorgung neben einem beschleunigten Leitungsbau vor allem den massiven Einsatz von Großspeichern und flexiblen Endkundentarifen, damit der günstige Strom genau dann und dort genutzt werden kann, wenn er entsteht.
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